Vor einiger Zeit habe ich Euch auf dieser Website gefragt, ob ihr Interesse an einem Buch zum Thema „Lernbeschleunigung durch Lernbegleitung“ hättet. Die vielen positiven Rückmeldungen per Email haben mich sehr glücklich gemacht. Und neulich kam ein Impuls, der mich dazu brachte, das Thema noch einmal größer zu denken. Eigentlich geht es mir gar nicht um Lernbegleitung, sondern es geht vielmehr um das Lernen in einer komplexen Welt. Und dieses Thema ist so groß, dass ich Euch dafür brauche. Statt das Buch also alleine zu schreiben, möchte ich es mit Euch gemeinsam schreiben – in Form eines Book Sprints. Ich habe so etwas noch nie gemacht – und habe ehrlicherweise auch nur eine sehr grobe Vorstellung davon, wie es konkret ablaufen wird – aber ich bin (gemeinsam mit meiner großartigen Kollegin Rebekka Schmidt) dabei, unseren ersten Book Sprint zu organisieren. Wir halten Euch zu den nächsten Schritten auf dem Laufenden!

Auf Twitter hatte ich Euch gefragt, ob ihr Interesse daran hättet als Co-AutorInnen des Buchs aufzutreten – und jetzt haltet Euch fest – es haben sich knapp 25 (!!!) Personen gemeldet. Ich bin völlig überwältigt, auch von eurer Bereitschaft zur Mitgestaltung und euren Themenvorschlägen. Um eine ähnliche Tonalität im Buch zu ermöglichen, möchte ich einige Eckpfeiler – oder gar Thesen – die für mich grundlegend sind, in dieser Form mit Euch teilen.

Lernen in einer komplexen Welt

Für mich bedeutet Komplexität, dass es mehr Handlungsoptionen gibt, als man überblicken oder kennen kann. Komplexität bedeutet folglich immer Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Lernen – oder besser noch: Verstehen – ist ein Hilfsmittel, um aufgeklärtere Entscheidungen zu treffen, d.h. ein Mittel der Vorbereitung. Man kann sich immer noch irren. Zum Lernen gehört also unweigerlich das Spüren der Konsequenzen von eigenen Entscheidungen dazu. Und so ist Lernen – und auch Verstehen – nicht nur Hilfsmittel für aufgeklärtere Entscheidungen, sondern gleichzeitig auch das Ergebnis dieser Entscheidungen.

  1. Verstehen: Komplexität erfordert Verstehen – Wissen alleine reicht nicht mehr
  2. Vom WIE zum WER: Nicht mehr „wie kann ich ein Problem lösen?“ Sondern „Wer kann ein Problem lösen?“
  3. Netzwerke: Lernen bedeutet daher auch Netzwerke zu schaffen.
  4. Problemkontext: Nachhaltiges Lernen entsteht nur im Kontext von Problemen – wer nur die Theorie ohne Praxisbezug lernt, verliert schnell an Wissen.
  5. Nachdenken statt Imitieren: Lernen durch eigenes Nachdenken ist wirksamer als Lernen durch Imitation, denn es fördert das Verstehen.
  6. Unlearn: Lernen bedeutet auch, dass bestehende Glaubensmuster regelmäßig hinterfragt und auf den Prüfstand gestellt werden müssen.

Lernen in Unternehmen

Klassische („tayloristische“) Organisationen, wie wir sie heute in der Regel erleben, sind dreifach geteilt, d.h. Entscheidungen werden nicht unmittelbar an den Stellen getroffen werden, wo die Unsicherheiten und Probleme anfallen, sondern:

  • Personelle Teilung: Vorab benannte Führungskräfte oder Gremien treffen Entscheidungen für einen selbst
  • Funktionale Teilung: Entscheidungen werden von Experten in Stabstellen getroffen, die dieses Wissen in der Organisation bündeln
  • Zeitliche Teilung: Entscheidungen werden in Prozesse untergliedert, d.h. man entscheidet heute, wie man ein zukünftiges Problem lösen wird

Das Lernen der betroffenen Individuen und Teams wird dadurch eingeschränkt.

Achtung: Ich halte das nicht für falsch oder schlecht. Ich bin aber überzeugt davon, dass der Anteil der Teilung in den Organisationen Überhand genommen hat. Organisation sind gut beraten, wenn sie das Lernen der Individuen aus ihren Entscheidungen wieder verstärkt in den Fokus nehmen. Dezentralisierung von Entscheidungen und Stärkung der Autonomie durch das individuelle und teambasierte Lernen sind wichtige Schlüsselbegriffe auf dem Weg zur lernenden Organisation.

  1. Konsequenzen: Das Ziel sind wirkungsvolle Entscheidungen unter Unsicherheit. Kontinuierliches Lernen über die Wirksamkeit von Entscheidungen gehört unweigerlich zur lernenden Organisation.
  2. Transparenz: Lernen braucht Transparenz über die Konsequenzen von Entscheidungen. Ohne das „Spüren“ der Konsequenzen von Entscheidungen, gibt es kein Lernen.
  3. Wertschöpfung: Das Finden von „Lernzeit“ ist nur deswegen ein Problem in manchen Unternehmen, weil dort auch in Arbeitszeit gedacht wird. Lernen, das der Wertschöpfung dient, muss nicht verhandelt werden.
  4. Entscheidungen: Lernen gehört an diejenigen Stellen in Unternehmen, wo auch Entscheidungen getroffen werden. Lernende Stabstellen sollten die Ausnahme darstellen. Sie behindern das flächendeckende, organisationale Lernen.
  5. Marktorientierung: Unternehmen sollten bei jedem Marktkontakt lernen, d.h. an jedem „Touch Point“ mit Kunden und von Mitbewerbern.
  6. Teilen von Wissen: Wer Wissen teilt, skaliert die dezentrale Entscheidungskompetenz des Unternehmens. Wer Wissen hortet, schadet dem Unternehmen (langfristig).
  7. Plattformen: Organisationen können Plattformen für das Lernen oder „Experimentierräume“ schaffen, um (zu versuchen) das Lernen zu beschleunigen.

Hier sind natürlich auch jederzeit Praxisbeispiele rund um das Lernen in Unternehmen hochgradig erwünscht.

Lernen Kind Schule

Bildnachweis: eigenes Foto (meines Sohnes) – Fotografin: Melanie Scheller-Ratto  – www.knirpslicht.de

Lernen in der Schule / in der Gesellschaft / als Individuum

Es ist mir eine Herzensangelegenheit das Schulsystem in Deutschland zu revolutionieren. Komplexität erfordert Individualität. Menschen entwickeln problemlösende Gefühle. Sie können nicht immer genau sagen „WIE“ sie ein Problem gelöst haben. Sie können es manchmal einfach. Und dieser Glaube an die eigene Leistungsfähigkeit, Kreativität und die eigenen Gedanken, d.h. an sich selbst, sind essentiell für unseren Umgang mit einer komplexen Zukunft.

Was ich rund um das Homeschooling erlebe, gleicht jedoch eher einem Debakel, sowohl didaktisch als auch inhaltlich. Wichtige Schlüsselkompetenzen (eigenes Nachdenken, Empathie, Bilden von Netzwerken, Nachhaltigkeit, usw.) werden nicht hinreichend gefördert. Stattdessen wird weiterhin und viel zu häufig auf das Auswendiglernen von Wissen und die punktuelle Prüfung in Form von Wissens-Tests gesetzt. Auch die Normierung der Kinder durch vergleichende Bewertungen schadet unserer Zukunftsfähigkeit in einer komplexen Welt.

Jeder Lernende ist völlig verschieden. Und das ist auch gut so! Auch Lernformate, Lerninhalte und Didaktik müssen sich an diese Individualität anpassen können. Gleichzeitig stellt sich die Frage nach skalierbaren Lernangeboten. Welche Möglichkeiten gibt es? Wie kann Lernen von und mit anderen aussehen? Welche Rolle spielen Selbstlernmedien? Wie kann das Teilen von Wissen und Erfahrungen gefördert werden? Wie kann man als Lernender seine eigenen Lernerfolge – aber auch festgefahrene Glaubensmuster – erkennen, weiterentwickeln oder beseitigen?

  1. Verstehen: Schüler lernen an der Schule immer mehr und verstehen immer weniger. Das müssen wir ändern.
  2. Individualität: Kinder sind hochgradig individuell. Das Schulsystem, aber auch andere Lernformate, sollte diese Individualität in den Vordergrund stellen und fördern.
  3. Keine Bewertung: Lernen und gleichzeitige Bewertungen durch Andere gehören nicht zusammen („Normierung“).
  4. Keine Normierung: Schüler sollten nicht als standardisierte Rollen-Ausfüller ausgebildet werden, sondern als eigenständig nachdenkende und reflektiert-abwägende Individuen.
  5. Digitalisierung: Das Thema „digitale Schule“ scheint noch in weiter Ferne zu sein. Hier müssen schnellstmöglich neue Konzepte entstehen.
  6. Freiwilligkeit: Lernen basiert auf Freiwilligkeit. Verordnete Lernziele (Schule & Unternehmen) sind eher unwirksam.

Auch die 10 Thesen über das Lernen, die ich vor einiger Zeit geschrieben hatte, sehe ich als Grundlage einer gemeinsamen Tonalität im Buch.

Fazit

Ich habe diese Zeilen sehr schnell herunter getippt. Sie mussten raus aus meinem Kopf und rein in eure Gedankenwelt. Wie geht es Euch mit diesen Thesen? Vielleicht habe ich den einen oder anderen Widerspruch in Euch ausgelöst? Das wäre nicht so schlimm, wie ich es am Anfang gesagt habe. Vielleicht beginnen wir unseren gemeinsamen Book Sprint auch mit einer Art „Mini-Barcamp,“ wo jede/r von uns ihr/sein Kapitel vorstellt und gemeinsam diskutieren, was davon in unser Buch Einzug finden soll?

Wie gesagt: Ich melde mich zum organisatorischen, sobald ich mehr weiß. Gebt mir bitte noch etwas Zeit.

Und schon Mal vorab: Danke! Ihr seid großartig, nicht nur, weil ihr dieses so wichtige Thema mit mir gemeinsam vorantreiben möchtet. Jetzt freue ich mich erst einmal auf eure Gedanken zu diesem Blogbeitrag.

Bildnachweis (Titelbild): Zffoto – 112516192 – stock.adobe.com