Lernbeschleunigung durch Lernbegleitung wirkt an sich wie ein relativ kleines und in sich geschlossenes Thema. Dennoch hat mich eine große Vielzahl von Themen in meinem Denken geprägt und damit maßgeblich beeinflusst, wie das Thema Lernbegleitung heute konkret konzipiert wurde und gelebt wird. Ich verstehe diesen ersten Beitrag als einen einordnenden Beitrag der vielen Themen in mein Denkmodell. Ich möchte Euch mitnehmen auf meine Reise von Erlebnissen und Theorien, die zum heutigen Konzept der Lernbegleitung geführt haben.

Komplexität vs. Kompliziertheit

Beides sind Eigenschaften von Systemen. Sie beschreiben, ob es kausale Zusammenhänge zwischen mehreren Dingen gibt oder nicht. Wenn Dinge kompliziert sind, dann gibt es kausale Zusammenhänge. Man kann also nicht überrascht werden, wenn das notwendige Wissen vorhanden ist. Wenn etwas kompliziert ist und man es trotzdem nicht richtig lösen kann, dann spricht man von einem Fehler. Komplexität ist etwas anderes als Kompliziertheit. In einem komplexen System gibt es keine erkennbare Kausalität, keine Wenn-Dann Beziehung. Die Ereignisse sind nicht vorhersehbar, d.h. sie überraschen uns. Man spricht in diesem Zusammenhang von einem Irrtum. Hier kommt auch häufig die Unterscheidung Rot (komplexe Dinge) und Blau (komplizierte Dinge) zum Einsatz.

Die Unterscheidung zwischen Fehler und Irrtum ist wichtig. Sie ist die Begründung, warum ich eine iterative, experimentierfreudige und lernförderliche Agilität begrüße und lieber von einer Kultur des Scheiterns spreche als von einer Fehlerkultur.

Beispielsweise ist meine Tastatur kompliziert. Ich kann sie nicht bauen. Ich weiß auch nicht wie sie genau funktioniert. Aber: Es gibt Wissen darüber, wie eine Tastatur funktioniert und gebaut werden muss. Man kann das lernen. Was ich auf jeden Fall weiß, ist, dass wenn ich eine bestimmte Taste drücke, immer exakt das Vorhergesehene passiert. Wenn das mal nicht der Fall ist, dann ist meine Tastatur kaputt.

Bei Menschen – oder auch beim Wetter – ist das anders. Beide sind komplex. Ja, man kann Muster erkennen und versuchen Vorhersagen zu machen, doch manchmal, da überraschen uns Menschen und das Wetter extrem. Weder Menschen noch das Wetter können kaputt sein. Sie sind, so wie sie sind. Und das ist auch gut so. Manchmal werde ich von meinen eigenen Gedanken überrascht. Ich kann das meistens nicht erklären.

Merke: Menschen sind komplex. Situationen mit vielen Menschen sind komplex. Lernbegleitung muss diesem Umstand Rechnung tragen.

Dynamik

Dynamik wird in meiner Wahrnehmung häufig synonym für Komplexität verwendet. Meistens wird von dynamischen Märkten gesprochen. Ein Markt ist der Ort an dem sich mehrere Anbieter und mehrere Nachfrager treffen. Durch diese sog. „doppelte Kontingenz“ (Dr. Gerhard Wohland) entstehen Preise. Und entsteht auch der Bezug zur Komplexität. Sowohl diese Anbieter als auch diese Nachfrager sind bzw. bestehen aus Menschen. Es ist nicht immer vorhersehbar – und schon gar nicht planbar – was sie tun werden. Wir werden manchmal heftig von ihnen überrascht.

Und so gibt es für Organisationen, damit meine ich Unternehmen, die Produkte an einem Markt anbieten und in Konkurrenz zu anderen Unternehmen stehen, eigentlich nur zwei relevante Fragestellungen (in Anlehnung an Conny Dethloff):

  1. Wie können wir die Menge der Überraschungen, die wir aushalten können, erhöhen?
  2. Wie können wir die Menge an Überraschungen, die wir selbst produzieren, erhöhen?

Merke: Der Umgang mit Dynamik ist entscheidend für die Wertschöpfung in Unternehmen. Lernbegleitung muss diesem Umstand Rechnung tragen.

Marktorientierung

Marktorientierung ist ein Begriff, den ich sehr gerne und sehr häufig verwende. Kurzgesagt bedeutet er, dass Unternehmen, sich nicht mit sich selbst, d.h. mit internen Referenzen, beschäftigen sollten, sondern mit externen Referenzen.

Ok, ich muss hier einen Schritt zurückgehen: Wenn Märkte träge (Gegenteil von dynamisch) sind, dann sind sie kompliziert, d.h. Unternehmen können alles was sie tun wollen, planen und umsetzen. Es gibt so gut wie keine Überraschungen. Es gibt eine klare, kausale Beziehung. Wenn wir dies tun, dann ernten wir jenes. Beispielsweise in der Zeit, als die ersten Automobile entstanden, war so eine Zeit. Niemand hatte ein Auto, es gab keine Konkurrenz, das Unternehmen konnte sich darauf fokussieren, die Produktion immer effizienter zu gestalten. In dieser Zeit – der Entstehungszeit des sog. Taylorismus – wurde Wertschöpfung zerlegt in Einzelteile, weil so die Effizienz gesteigert werden konnte.

  1. Personelle Teilung: Wenn nur möglichst intelligente Menschen nachdenken und Anderen klar sagen, was sie zu tun haben, dann sind wir effizienter.
  2. Funktionale Teilung: Wenn bestimmte Tätigkeiten repetitiv wiederholt werden, dann ist es gut, sie an Experten auszulagern.
  3. Zeitliche Teilung: Wenn wir uns heute überlegen, wie Regeln und Prozesse aussehen, dann können Andere in Zukunft effizienter Dinge abarbeiten.

All das funktioniert sehr gut in trägen Märkten. Es gibt ja keine Überraschungen. Ich nenne das die blaue Welt (siehe oben). Nicht falsch verstehen: Das ist nicht schlecht – im Gegenteil! Sie sind hochgradig effizient, um komplizierte Probleme zu lösen. Aber: Mit zunehmender Dynamik („VUCA“) funktionieren sie auch zunehmend schlechter.

Es ist diese blaue Welt, die sich nicht mehr mit dem „Außen“ beschäftigen muss. Sie hat die Probleme der Vergangenheit sehr erfolgreich gelöst und bewältigt. Aber wie passt das zu Dynamik und Überraschungen? Immer weniger.

Und darum geht es beim Thema Marktorientierung: Viele Unternehmen haben sich so sehr auf Effizienz getrimmt, dass jegliche Überraschung nicht mehr zum Plan passt. Sie sind durchdrungen von Blau.

Eine Lösung könnte lauten: Den Blau-Anteil senken, um den Rot-Anteil zu erhöhen. Sie können dafür die Lernumgebung Markt nutzen.

Merke: Marktorientierung bedeutet, dass die Dynamik außerhalb der Organisation wieder in die Betrachtungen einfließen muss, um die Vorherrschaft von rein blauem Gedankengut (Hierarchie, Stabstellen, Prozesse, Regeln, usw.) zu brechen. Lernbegleitung – insbesondere für User Experience – muss das berücksichtigen.

Mitarbeiterorientierung

Nun, mehr Rot-Anteil zu haben bedeutet platt ausgedrückt: Wir müssen wieder beginnen nachzudenken, bestehende Denkkonstanten hinterfragen (Unlearn) und iterative Experimente fahren, um am Markt zu lernen (siehe Marktorientierung). Wenn in einer dynamischen Welt Hierarchien, Stabstellen, Regeln und Prozesse an ihre Grenzen kommen – d.h. bekannte Lösungswege nicht mehr funktionieren – dann braucht es eben neue Lösungswege statt an Bestehendem festzuhalten. Und diese Lösungswege können wir nur durch eigenes Nachdenken finden. Das können nur Menschen. Prozesse und Regeln können keine eigenen Ideen entwickeln. (Hierarchien und Stabstellen können das auch nicht – die Menschen in diesen Funktionen können das sehr wohl.)

Mitarbeiterorientierung bedeutet, dass Organisationen jedes Problem von innen heraus lösen können. Es steckt alles in den Menschen im Unternehmen drin, was dafür nötig ist. Externe Impulse können helfen, müssen aber nicht. Insbesondere dann nicht, wenn man „Best Practices“ (blaue Welt) verwendet, um Probleme zu lösen, die man noch nicht verstanden hat (rote Welt).

Hier spreche ich häufig von Könnern – auch hier in Anlehnung an Dr. Gerhard Wohland. Das sind Menschen, die im Angesicht einer Überraschung, problemlösende Gefühle entwickeln können. Wir sprechen auch von Resonanz des Könners mit dem Problem. Man kann bei einer Überraschung nicht vorher festlegen, welche Fähigkeiten oder welches Wissen zur Lösung des Problems notwendig sein werden.

Könner entstehen aus Talenten, das sind Menschen, die notwendige Fähigkeiten und Kompetenzen mitbringen, diese aber nicht zwingend bewusst wahrnehmen. Sie entdecken sie durch Resonanz mit Problemen und schärfen sie durch Übung.

Talente versuchen echte Probleme der Wertschöpfung zu lösen, und sie scheitern dabei. Jedes Scheitern provoziert sie zu neuen Ideen. Das ist eine Kernessenz von Lernbeschleunigung durch Lernbegleitung.

Merke: Mitarbeiterorientierung bedeutet, dass Menschen nur durch eigenes Nachdenken komplexe Probleme lösen können. Und dass wir ihnen genau das zutrauen sollten. Lernbegleitung muss das berücksichtigen.

Vorbereitung / Andersartigkeit & Agilität

Drei Dinge möchte ich hier nur noch kurz anreißen, obwohl sie für das Konzept der Lernbeschleunigung durch Lernbegleitung sehr wichtig sind.

Überraschungen sind Überraschungen. Dennoch kann man sich auf sie vorbereiten. Diese Vorbereitung, oder auch in einem weiter gefassten Sinne Dynamikrobustheit oder Antifragilität, sind wichtige Gedanken bei der Konzeption gewesen.

Wenn Mitarbeiterorientierung eine sinnvolle Antwort auf Dynamik ist, dann meint das: Menschen voller Individualität und Andersartigkeit. Nicht Klonkrieger aus der Retorte von Führungsleitlinien und Auswahlverfahren bzw. durch Mitarbeiterbewertungen aufgegleiste Menschen. Die Unterscheidung von Führung und Führungskräften ist mir daher sehr wichtig.

Und so verstehe ich im Kern auch Agilität:

  • Menschen, die gemeinsam in Teams voller Individualität, miteinander-füreinander Leistung erbringen,
  • die sich am Markt orientieren und dort kontinuierlich die Lernumgebung Markt nutzen, um bessere Entscheidungen zu treffen und dabei
  • echte Probleme der Wertschöpfung lösen, dabei scheitern und zu neuen Ideen provoziert werden (MVP, die kleinste Einheit, um am Markt zu lernen).

Lernbeschleunigung

Kommen wir zum Versuch einer Zusammenfassung.

Lernbeschleunigung durch Lernbegleitung umfasst folgende Gedanken:

  • Märkte sind dynamisch, Menschen sind komplex. Und damit ist jede Team-Situation innerhalb einer Wertschöpfungseinheit komplex
  • Man kann dieser Komplexität nur bedingt durch Wissen begegnen, in vielen Situationen braucht es Können
  • Können entsteht durch Übung anhand von echten Problemen
  • Man kann sich vorbereiten, damit einen die Komplexität unter Umständen nicht so hart trifft
  • Dazu gehört auch, dass man Probleme durch eigenes Nachdenken lösen muss und dabei scheitert. Nur so entsteht Lernen.

Ende

Puh, ich hatte befürchtet, dass es lang werden würde. Aber ich glaube, dass ich die wichtigsten Themen tangiert habe, die einen Einfluss auf die Konzeption hatten. Und ich bin gespannt, ob ihr Euch eine Fortsetzung und Vertiefung dieser Themen wünschen würdet. Welche Gedanken bewegen Euch? Ich freue mich auf euer Feedback in den Kommentaren!

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